Apple schlägt Exxon - Trust-Design bestimmt die Markenerfolge von morgen.

Peter Wippermann, Gründer Trendbüro,
Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste

Apple schlägt Exxon. Trotz der aktuellen Finanzkrise wurde an den Börsen über die Zukunft abgestimmt. Die Prognose des Marktes ist seit August dieses Jahres eindeutig: Kommunikation wird die wirtschaftliche Bedeutung von Mobilität verdrängen. Besser kann man den gegenwärtigen Strukturwandel der Gesellschaft nicht auf den Punkt bringen.

Mit Erdöl sicherte ExxonMobil über Jahrzehnte die Dynamik der Industriegesellschaft. Das Unternehmen konnte den Spitzenplatz im Ranking der wertvollsten Unternehmen der Welt in den vergangenen Jahren unangefochten halten. Mit iPods, iPhones, iPads und ähnlichen Informations- und Kommunikationstechnologien machte Apple dem Ölkonzern diese Position streitig. Apple wird dafür belohnt, dass es die virtuelle Infrastruktur der Netzwerkgesellschaft voranbringt.

Markenrankings sind Frühindikatoren der Börse
Die Marke Apple wurde schon Anfang Mai Nummer eins im Ranking BrandZ Top 100. Der Markenwert stieg in einem Jahr um 84 Prozent auf 153 Mrd. US-Dollar. Apple verdrängte damals Google vom Siegertreppchen. Für diese Rangliste befragt das US-Marktforschungsunternehmen Millward Brown jährlich Hunderttausende Bürger nach ihrer Einstellung zu Marken und analysiert die Gewinnaussichten der Unternehmen. Der Markenerfolg wurde zum Frühindikator des heutigen Börsensieges. „Apples Erfolg rührt nicht allein von der Produktinnovation her, sondern Apple-Nutzer sehen die Marke als eine Ausdrucksmöglichkeit für ihre Individualität“, so Bernd Büchner, Geschäftsführer bei Millward Brown in Deutschland.

Das Markenerlebnis kennzeichnete die Inszenierung der Produktwelt
Apple wurde berühmt durch sein sensationelles Produktvergnügen. Von Firmengründung an war das minimalistische Design einzigartig. Selbst das Auspacken des Produktes wurde zum Markenerlebnis. Apple verdinglichte den Mythos einer besseren Welt und erfand in den neunziger Jahren das Kultmarketing. Der Glaube an den Fortschritt formte die Fangemeinde der Marke. Zehn Jahre später erfand Apple das Servicedesign neu. Das Markenversprechen löste der Computerriese mit seinem Retail-Store-Konzept und den Genius-Bars ein. „Zum Einkaufen kommen. Zum Lernen zurückkommen“ heißt das Motto bis heute. Apple aktiviert seine Fans in den Kathedralen der Marke. Aus der Idee der Markenbindung wurde eine ganzheitlich gelebte Markenbeziehung.

Die Markenbeziehungen stehen für sozialen Reichtum
Die entscheidende Erklärung des Apple-Triumphes liegt im Markenkern. Der sinnstiftende Aufforderungscharakter „Think different“ hat bis heute seine spirituelle Kraft nicht verloren. Schon 1984 ging es dem jungen Computerhersteller um die Demokratisierung von Information. Der Apple Macintosh war einer der ersten Personal Computer weltweit. Mit seiner grafischen Benutzeroberfläche und der Maus als Produktinnovation wurde es für Nutzer einfacher, die Möglichkeiten der neuen digitalen Informationstechnologien aus der Business-Welt privat zu nutzen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Begreifen der Welt über die neuen Touch-Oberflächen der Apple-Produkte löste das Markenversprechen, die IT-Technologie im Privaten einfach zugänglich zu machen, aus dem Jahr 1984, endgültig ein. Apple blieb den eigenen Markenwerten immer treu. Selbst an den dramatisch volatilen Weltbörsen zahlt sich diese Haltung für das Unternehmen aus.

Consumer-Centricity ist das Geheimnis der Marke Apple. Der Konzern erkannte früh, dass es profitabel ist, die Angebote aus den Sehnsuchtsfeldern der User zu entwickeln. Mit iTunes wurde ein Multimedia-Verwaltungsprogramm zum Abspielen, Konvertieren, Organisieren und Kaufen von Musik, Hörbüchern, Podcasts, Filmen, iPhone- und iPad-Apps und Spielen auf den Markt gebracht, das die Freiheit der Apple-Fans erhöhte. Das Selbstbedienungsprinzip des Massenmarktes erreichte mit iTunes die Softwarewelt der Unterhaltungselektronik. Es war der erste Schritt zur unendlichen Ausdifferenzierung eines neuen virtuellen Marktplatzes von Programmen.

„It’s the customer, stupid“
Jeder Nutzer konfiguriert heute sein iPhone oder iPad so, wie er es für sinnvoll hält. Die Individualisierung der Hardware durch die Installation kleinerer Softwareanwendungen wurde zuerst auf dem iPhone möglich. Im Frühjahr 2008 wurde der Apple App Store freigeschaltet. Heute, im Sommer 2011, werden dort 425.000 Apps für das iPhone und schon über 100.000 Apps für das iPad angeboten. Apple konnte in den vergangenen drei Jahren 15 Milliarden App-Downloads verkaufen. Die kleinen Softwareprogramme sind inzwischen ebenso gefragt wie Songs im iTunes-Store. Die Medienwelt von Personal Media hat ein unvorstellbares Wachstumstempo. Hintergrund des Erfolgs ist die Erfüllung kultureller und sozialer Sehnsüchte der Nutzer von mobilen Gadgets. Personal-Media-Geräte sind zu den Fernbedienungen des realen Alltags geworden.

Personal Media wird zum Gatekeeper
Natürlich ist Apple ist nicht allein dabei, Personal Media erfolgreich zu popularisieren. Längst hat Google mit Android ein freies und quelloffenes Betriebssystem für mobiles Computing auf den Markt gebracht, das sich noch schneller verbreitet als das urheberrechtlich geschützte Angebot von Apple. 550.000 Android-Mobiltelefone aktiviert Google jeden Tag – die Tendenz ist stark steigend. Personal Media wird zum Gatekeeper der Markenkommunikation.

Aber es geht für Marken nicht um die Adaption der ungestümen Innovationskraft der IT-Technologie. „It’s the customer, stupid“ ist ein guter Rat für die Markenführung im Zeichen des mobilen Internets. Der Konsument steht im Mittelpunkt und stört nicht mehr. Dabei ist schon heute absehbar, dass Marketing keine Abteilung mehr bleibt. Die Reputation des Unternehmens als Ganzes wird in der Netzwerkökonomie den Markenerfolg bestimmen. Das kann man vom Game-Changer Apple lernen. Wer das nicht glaubt, sollte sich das Desaster der Versicherungsgruppe Ergo in Erinnerung rufen.

Konsumenten übernehmen die Kontrolle
70 Prozent aller Medieninhalte im Internet werden gegenwärtig von Konsumenten gemacht. Die klassische Markenkommunikation verliert ihre Effektivität durch den schwindenden Einfluss der Massenmedien. Die Folge ist ein Machtbeben. Menschen begegnen Unternehmen zunehmend auf Augenhöhe. Sie werden zu machtvollen Schwärmen. Aus Medienkonsumenten sind Medienmacher geworden, die in der Lage sind, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das musste auch Apple in der „Locationgate“ genannten Geodaten-Affäre begreifen. Im Frühjahr des Jahres wurde bekannt, dass Apple Standortinformationen von iPhone- und iPad-Nutzern ohne deren Einwilligung sammelte. Die globalen Proteste aus den sozialen Netzen kamen umgehend und unüberhörbar. Apple überprüfte seine Haltung und änderte sofort seine Software.

Nachhaltigkeit ist ein unabdingbarer Markenwert geworden
Markenführung kann die Aufmerksamkeit ihrer Kunden nicht mehr managen. Kunden informieren Kunden und beurteilen die Handlungen des Unternehmens. Die Unternehmen werden transparent. Diese Erfahrung machte Apple schon im Jahr 2007. Greenpeace protestierte weltweit gegen die Umweltverschmutzung bei der Herstellung von Apple-Produkten. Das Unternehmen aus Cupertino belegte in Sachen Umweltschutz den letzten Platz aller Computerhersteller. Damals brach Apple sein Schweigen. Steve Jobs erklärte reumütig: „Wir haben zum ersten Mal über unsere Pläne gesprochen, ein grünes Apple zu werden.“ Er schrieb einen offenen Brief an Greenpeace, Aktionäre und die Presse und entschuldigte sich, dass der Konzern sich so lange nicht zu den Vorwürfen geäußert hatte.

Heute hat die Umweltschutzorganisation Apples Engagement für die Umwelt mit vier goldenen Sternen ausgezeichnet. Durch besondere Energieeffizienz der Apple-Produkte verdiente sich das Unternehmen auch den EPA Energy Star. Nachhaltigkeit ist zu einem gelebten Markenkernwert von Apple geworden.

Menschlichkeit gehört zum neuen Markenkern
Aber nicht nur Klimawandel und Ressourcen sind Themen der öffentlichen Diskussion um die Marke Apple geworden, sondern auch die sozialen Bedingungen bei der Produktion der Geräte. Eine Selbstmordserie in den chinesischen Fabriken des taiwanesischen Apple-Zulieferers Foxconn erschütterte die Markenwelt von Apple. Für die Selbstmorde von zehn Arbeitern wurde der hohe Druck bei gleichzeitig schlechter Bezahlung verantwortlich gemacht. Apple fühlte sich unter dem Druck seiner Fans zum Handeln genötigt und veranlasste, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn verbessert wurden.

People – Places – Profit
Die Demokratisierung des Zugangs zu globalen Netzwerkmedien ist dabei, die Welt – nicht nur der Marken – zu verändern. Die Informationshoheit von Produzenten und Medienkonzernen verschiebt sich zugunsten der Menschen. Personal Media entmachtet Mass-Media. Die Informationshoheit verschiebt sich von den Unternehmen und Institutionen zugunsten der Individuen. Eine hohe Reputation verschafft Unternehmen gerade in Zeiten der Entgrenzung von Politik, Wirtschaft und Kultur eine attraktive Zukunft.

Es lohnt sich, Apple als eines der Modelle für die Markenführung von morgen zu beobachten. Der Vorbildcharakter für andere Marken wird durch den Quellcode der Werte definiert:

People: Die Marke hat einen sinnstiftenden Kern, der Menschen fasziniert.
Places:
Das Unternehmen orientiert sich an Nachhaltigkeit und sozialem Reichtum.
Profit:
Die Wertschöpfung soll größer sein, als die Börsennotierung ausweist.

Als Apple die Nummer eins aller börsennotierten Unternehmen wurde und Exxon vom Thron stieß, hatte der Analyst Brian Marshall von Gleacher & Co. eine plausible Erklärung für den steilen Aufstieg des Technologiekonzerns: „Exxon verkauft ein Produkt, das die Menschen brauchen. Apple dagegen verkauft etwas, was die Menschen wollen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rede von Prof. Wippermann anlässlich des 20-jährigen Bestehens von Fleishman-Hillard Germany

Guten Abend, meine Damen und Herren,

wir sind hier, um zu gratulieren. Fleishman-Hillard Germany feiert heute seinen 20. Geburtstag in Deutschland.
Das Fest gibt Anlass zum gemeinsamen Innehalten, denn Feste gliedern unsere Zeit. Deshalb erlauben Sie mir einen kurzen Rückblick, eine Bestandsaufnahme und einen Ausblick.

1991

- Der zweite Golfkrieg wird beendet.
- Das World Wide Web wird zur Benutzung freigegeben.
- Helmuth Kohl wird Bundeskanzler. Auf die Frage „Was halten Sie vom Internet?“ in einem RTL-Fernsehinterview antwortet er später: „Datenautobahn? Fragen Sie meinen Verkehrsminister.“
- In diesem Jahr beginnt Fleishman-Hillard seine Arbeit als strategische Agentur für Kommunikation in Deutschland. Die Niederlassungen Frankfurt, München und Berlin werden gegründet.

2001

- In New York wird der Terroranschlag auf das World Trade Center verübt.
- Das freie Online-Lexikon Wikipedia wird gegründet.
- Klaus Wowereit wird Bürgermeister von Berlin. Mit ihm bekommt die Hauptstadt Deutschlands ein neues Selbstbewusstsein – „Und das ist auch gut so!“, würde er wohl heute noch sagen.
- Bereits zehn Jahre nach seiner Gründung kann Fleishman-Hillard Germany stolz auf erfolgreiche Kommunikationsarbeit zurückblicken.

2011

- Die Arabische Revolution wird durch Facebook und Twitter organisiert.
- Facebook führt die automatische Gesichtserkennung ein.
- Die Bahn beginnt zu twittern und legt ihrem Twitter-Team ein 120-seitiges Handbuch als Betriebsanleitung für Microblogging vor.
- Zu seinem 20. Jubiläum stellt sich Fleischman-Hillard Germany neu auf, um auf die Herausforderungen der kommenden Netzwerkgesellschaft vorbereitet zu sein.

So weit die Geschichte.

Schauen wir in die Gegenwart:

Digital. Integrated. Global.

Das sind die neuen Spielregeln der Kommunikationsarbeit von Fleishman-Hillard.

Digital steht für den Strukturwandel

Die neue Internet-Protokoll-Version 6 wurde letzte Woche erfolgreich getestet. Zukünftig werden 600 Billiarden Internetadressen pro Quadratmillimeter der Erdoberfläche zur Verfügung stehen.
Damit wird ein Traum wahr. Ihr Kühlschrank kann Sie zukünftig per Handy darüber informieren, dass Sie noch Gurken im Gemüsefach haben, die Sie jetzt wieder essen dürfen.
Kommunikation beschränkt sich zukünftig nicht mehr auf die Welt der Menschen. Maschinen werden mit Maschinen kommunizieren, aber auch Maschinen mit Menschen.

Spielregel Nr. 1:
Schließe dich an, sonst wirst du ausgeschlossen.

Integrated steht für die Wertschöpfung
Die Medien verlieren ihren bisherigen Charakter und erhalten eine neue Bedeutung. Das Internet als Infrastruktur des 21. Jahrhunderts verbindet Kommunikation, Vertrieb und Produktion.
Denken Sie an Turnschuhe. Auf der Hompage von Nike-ID können Sie schon heute Ihren Sneaker online konfigurieren. Anschließend können Sie Ihr Design auf Facebook testen und nach Zustimmung Ihrer FreundInnen bestellen. Erst wenn Sie gezahlt haben, wird der Schuh gemäß Ihren Daten produziert. 14 Tage später erhalten Sie Ihren individuellen Turnschuh per Kurier. Die Rückgabe ist ausgeschlossen, denn Sie haben die Produktion selbst zu verantworten.

Spielregel Nr. 2:
Verbünde dich mit denen, die deine Ideale teilen.

Global steht für den Wertewandel
Die Medienanbieter und Mediennutzer treffen sich auf Augenhöhe im Web 2.0.

Es war der Nachbar von Bin Laden, der eine amerikanische Militäroperation bemerkte und sie live twitterte – ohne zu wissen, was er beobachtete. Es war ein Mitarbeiter des ehemaligen amerikanischen Verteidigungsministers Rumsfeld, der das Gerücht über das Ende des meistgesuchten Terrorchefs der Welt als Erster über Twitter verbreitete.

Es war der mächtigste Mann der Welt, der die Informationshoheit über seine militärische Operation verlor. Der amerikanische Präsident Obama konnte die Nachricht vom Tode des amerikanischen Staatsfeindes Nummer eins nur noch offiziell bestätigen.

Unter Internetbedingungen verschiebt sich die Macht von denen, die Geheimnisse haben, zu denen, die Öffentlichkeit herstellen. So der Medientheoretiker Jeff Jarvis.

Spielregel Nr. 3:
Nimm den Einzelnen ernst, und das weltweit.

Für die Zukunft habe ich Ihnen zwei Thesen mitgebracht.

Die erste Überlegung ist, dass es leichter war, das Web 2.0 technologisch einzuführen, als die organisatorischen Konsequenzen zu managen.

Zwar sind Social Media auch im achten Jahr nach der Freischaltung vom Web 2.0 noch nicht in den deutschen Unternehmen angekommen.

Die Dialogfähigkeit der sozialen Netzwerke wird nur von
- der Hälfte der Presseabteilungen,
- einem Viertel der Marketingabteilungen und
- einem Prozent der Vertriebsabteilungen genutzt.

Doch die wirkliche Herausforderung wird sein, dass sich die Mitarbeiter privat schneller an die neuen Kommunikationsmöglichkeiten mobiler digitaler Netzwerke gewöhnen als die meisten Unternehmen:
- Mitarbeiter, die nach 1980 geboren wurden, setzen internetfähige Arbeitsplätze voraus,
- aber nur ein Drittel der Arbeitsplätze entspricht dem aktuellen Stand der Technik.
- Die Hälfte dieser jungen Mitarbeiter nutzt soziale Netzwerke.

Die Folgen sind absehbar – die privaten Smartphones und Tabletcomputer wandern unbemerkt in den Hosen- und Handtaschen in die Betriebe, und ihre private Nutzung organisiert stillschweigend die Kommunikationskultur der Unternehmen um:

- 66 Prozent der unter 30-Jährigen akzeptieren schon heute nicht mehr die Sicherheitsrichtlinien der eigenen IT-Abteilung.

Don Tapscott stellte daraufhin fest:
„Das Unternehmen ist nackt. Wer keine Kleider hat, sollte wenigstens gut in Form sein.“

Unternehmen, die aus Angst, das Firmengeheimnisse verraten werden könnten, die Mitnahme von privaten Smartphones an den Arbeitsplatz verbieten wollen, müssen sich klarmachen, dass sie damit ihren Mitarbeitern offiziell das Misstrauen aussprechen.

Wie sollen aber Mitarbeiter die Interessen eines Unternehmens vertreten, wenn man ihnen nicht traut?
Vertrauen kann ein Unternehmen nicht anordnen oder kaufen. Vertrauen bekommt man geschenkt, solange man gemeinsame Interessen hat.

Die strategische Kommunikation muss sich auf neugierige Mitarbeiter und skeptische Unternehmen einstellen.

Ich möchte Ihnen von einer Erfahrung berichten, die ich letzte Woche bei einem global agierenden Mischkonzern machen durfte. Der Konzern hatte gerade eine neue Unternehmensstrategie beschlossen. Die Werte Nachhaltigkeit, Exzellenz und Wachstum werden in Zukunft die Identität des Unternehmens bestimmen.

Zur Vorbereitung des strategischen Kommunikationsworkshops mit den Topmanagern der deutschen Ländergesellschaften unterhielt ich mich mit einem jungen Mitarbeiter, der die Veranstaltung medientechnisch begleiten sollte.

Er kam wie ich aus Hamburg, und wir sprachen privat über ein katastrophales Gewitter, das am Vorabend die Millionenstadt lahmgelegt hatte. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wusste nicht, was passiert war.

Daraufhin öffnete er seine private Facebook-Seite und zeigte mir Videos, die ihm Freunde gepostet hatten. Ich sah Filme von überschwemmten Straßen aus verschiedenen Stadtteilen Hamburgs und war betroffen.

Anschließend begann der Workshop.

- Es wurde über die neue Identität des Konzerns beraten. Das Problem war, dass jede Sparte ein Image für sich erarbeitet hatte, es aber kein klares Bild für den Gesamtkonzern gab.

- Man diskutierte über die Beziehungen untereinander. Bisher war man vertikal strukturiert. Man kannte sich im eigenen Silo über globale Netzwerke besser aus als in den anderen Konzernsparten der eigenen Ländergesellschaft. Das sollte sich ändern. Zukünftig wollte man sich horizontal über alle Sparten nach Ländern vernetzen. Es galt, eine gemeinsame Konzernidentität zu entwickeln und zu leben.

Schauen wir einmal genauer auf die Kommunikationsstrukturen:

Der oben genannte Mitarbeiter

- nutzte während der Arbeitszeit seine Social-Media-Homepage auf dem Firmencomputer, um mich privat über ein öffentliches Ereignis zu informieren.
- Er ging auf seine persönliche Facebook-Seite und nicht zu einem öffentlichen Online-Angebot einer Nachrichtenagentur oder eines Medienhauses.
- Er zeigt mir private Videos von Freunden, die sich gegenseitig mit ihren Informationen und Filmen auf dem Laufenden gehalten haben.

Das Unternehmen:

- beschäftigt 700 Kommunikationsmitarbeiter allein in Deutschland. Sie kommunizieren in einer fachspezifischen Medienöffentlichkeit und sprechen mit professionellen Journalisten der traditionellen Massenmedien.
- Web-2.0-Technologien, mit denen sich die Mitarbeiter untereinander austauschen können, gab es im Unternehmen noch nicht.
- Smartphones und Tabletcomputer waren für das Topmanagement selbstverständlich. Für die anderen Mitarbeiter war das mobile Internet mehr Statussymbol als Arbeitsinstrument.

Was wird sich für die Kommunikationsarbeit ändern?

Die Industriekultur setzte auf Arbeitsteilung: Die Presseabteilung sprach mit den Journalisten, das Marketing redete auf die Konsumenten ein, der Vertrieb sprach mit den Händlern, die Finanzabteilung mit den Analysten, die Personalabteilung mit den Mitarbeitern, dem Betriebsrat und den Gewerkschaften. Die Vorstände mit ihren Abteilungen. Der Vorstandsvorsitzende mit seiner Frau.

Die Netzwerkökonomie setzt auf Zusammenarbeit:

- Unter Internetbedingungen kann sich jeder mit jedem austauschen.

- Business-to-Business und Business-to-Consumer
wird zusehends eine Kommunikation unter Gleichen:
Peer-to-Peer

- Die bisher getrennten Sphären der internen und externen Kommunikation vernetzen sich.

Man muss sich nur an die lustvolle Weihnachtsfeier eines Versicherungsunternehmens erinnern. Ein internes Verhalten führt zum totalen Imageschaden für eine ganze Branche.

Fazit: Unter Internetbedingungen wird die strategische Kommunikation zum Coach. Sie wird die digitale Grundausbildung der Mitarbeiter organisieren.

Die zweite Überlegung ist, dass Social Media erst der Anfang sind und Schwarmintelligenz zur ökonomischen Revolution führt.

Schwarmintelligenz hat nichts mit Bildung, sondern mit der Bedeutung von Daten zu tun. Sie ist das Ergebnis gemeinsamer Interessen im Internet. Menschen können sich im Netz spontan verbünden und so die Welt verändern.

Schwarmintelligenz hat einfache Regeln:

- Voraussetzung ist der freie Zugang zum Internet.

Jeder entscheidet für sich

- Jeder kann individuell veröffentlichen.
- Alles wird global verbreitet.

Dissens statt Konsens

- Es gibt keinen Gruppenzwang.
- Die eigene Meinung zählt.

Dialog statt Macht

- Es geht nicht um Information, sondern um Kommunikation.
- Es geht um Überzeugungsarbeit und um spontane Mehrheiten.
- Es geht darum, diese wechselnden Mehrheiten zu beobachten und mit ihnen im Gespräch zu bleiben.

Schwärme unterscheiden sich vom Rudel, denn es gibt keinen Führer. Schwärme unterscheiden sich auch von einer Herde, denn es gibt keinen Leithammel, dem man folgen muss.

Schwarmintelligenz ist strategisch zentral, aber taktisch dezentral.

Denken Sie an das Web 1.0: an Google.

- Google organisiert die Relevanz von Informationen zentral, aber die Suchanfragen werden dezentral entschieden.

- Alle können das Ranking der Einträge sehen, das ist zentral, aber welche Informationen man individuell nutzt, ist dezentral.

Schwarmintelligenz wird zum Organisationsprinzip des 21. Jahrhunderts.

Denken Sie allein an Web 2.0 und die 700 Millionen Menschen, die als Mitglieder von Facebook medial aktiv sind.

- Programme berechnen soziale Nähe und verknüpfen Individuen zu Gemeinschaften auf Zeit.
- Jeder kann auf Facebook seine privaten Informationen veröffentlichen und wer seine Freunde sind, das ist dezentral.
- Facebook schlägt neue Freunde vor, das ist zentral.

Freunde informieren Freunde, auch wenn sie sich untereinander nicht kennen. Es zählt das gemeinsame Interesse. Es gibt keinen Masterplan.

Wer im Web 2.0 Zeiten und Orte bekannt gibt, kann in der realen Welt Menschen mobilisieren.

Das gilt nicht nur für politische Aktionen.

Sie erinnern sicher noch die überwältigende Geburtstagseinladung von Thessa aus Hamburg. Sie lud auf Facebook ihre persönlichen Freunde zum 17. Geburtstag ein.
Leider vergaß sie ein Häkchen zu machen, damit ihre Einladung mit Datum und Anschrift privat auf Facebook gepostet wurde. Bedauerlicherweise wurde so ihre Einladung zur Geburtstagsfeier öffentlich.
Daraufhin meldeten sich 15.000 Facebook-Freunde auf ihrer Seite an. Obwohl sie ihren Irrtum bemerkte und ihre Facebook-Seite schloss, feierten immerhin noch 1.500 Unbekannte eine Straßenparty vor ihrem Haus – zum Schrecken der Eltern und Nachbarn.

Max Gamper aber, ein 23-jähriger Fan von Thessa, komponierte ein Geburtstagslied und stürzte Matthias Reim vom ersten Platz der iTunes-Schlager-Chartliste.

Diese spontanen Mehrheiten nennt man Smart Mobs.

- Sie nutzen die Schwarmintelligenz als Organisationsform.

- Sie bilden sich ohne Mitgliedschaften und Institutionen.

- Sie agieren schnell, in großer Zahl, sind machtvoll und nicht zu kontrollieren.

Die Guttenberg-Affäre, Stuttgart 21, der Erfolg von Lady Gaga, die Arabische Revolution oder die Geburtstagsfeier von Thessa lassen sich auf das Phänomen Smart Mobs zurückführen.

Schwarmintelligenz ist als Organisationsprinzip neutral.

Es kann wie ein Messer zum Guten oder Bösen eingesetzt werden. Terrornetzwerke haben die Kraft der Schwarmintelligenz genauso erkannt wie Unternehmen, Konsumenten und Bürger.

Denken Sie an das Gute: an Wikipedia.
Die größte Online-Enzyklopädie ist ein Content-Management-System, das wie ein leeres Buch von ganz unterschiedlichen Menschen mit Wissen gefüllt wird. Zum gemeinschaftlichen Arbeiten an Texten haben sich weltweit 1.016.000 Mitarbeiter angemeldet, um in 260 Sprachen publizieren zu können.

Oder denken Sie an das Böse: an den Cyber War.
Das ist die dunkle Seite der Schwarmintelligenz. Hier geht es um das widerrechtliche Ausspähen privater Daten oder um die Zerstörung von Industrieanlagen, wie es der Computerwurm Stuxnet vorgemacht hat.

Intelligente Unternehmen werden zukünftig Schwarmintelligenz nutzen

Viele Unternehmen klagen über eine steigende Datenflut, ohne darüber nachzudenken, wie sie aus Informationen Wissen generieren können:

- wissen, was passiert und
- warum es passiert.

Insights in Echtzeit zu haben, um auf Basis von Informationen entscheiden zu können, wird eine wesentliche Voraussetzung für Erfolg.

Es ist eigentlich ganz einfach:
Wer sich mitteilen will, zuhören kann und bereit ist zu antworten, hat schon gewonnen.

Wer Daten produzieren, sammeln und analysieren kann, wird durch Schwarmintelligenz gewinnen.

Unternehmen und Institutionen tun sich aber noch schwer damit. Sie haben zwar gelernt, sich mitzuteilen, aber im Zuhören oder gar Antworten sind sie noch recht ungeübt.

Dabei schafft Schwarmintelligenz die Voraussetzung für intelligente Unternehmen und Organisationen, flexibel und dynamisch auf den globalen Märkten operieren zu können.

Das Management braucht sich nicht mehr auf Erfahrungen und Intuitionen zu verlassen, sondern kann auf Basis von datengestützter Echtzeitorientierung und Prognosen handeln.

Fassen wir das alles einmal zusammen, dann kommen wir zum Ergebnis, dass Kommunikation in der Netzwerkökonomie zur entscheidenden Ressource wird.

Voraussetzung wird sein, dass alle Beteiligten wissen, was sie tun und wie sie es tun.

Das ist nicht selbstverständlich.

Nach einer Untersuchung von Gallup unter 23.000 Topmanagern weltweit ergibt sich folgendes Bild:

37 % der Manager wussten, was das Ziel ihres Unternehmens ist;
15 % meinten, dass in ihrem Unternehmen Vertrauen herrscht; nur
13 % hatten das Gefühl, dass es sich beim Unternehmen um kooperative Arbeitsverhältnisse dreht.

Lassen Sie uns das in den Teamsport Fußball übersetzen:

- 4 von 11 Spielern wissen, wo das fremde Tor steht;
- 7 Spieler sind geneigt, das eigene Tor als Hauptziel anzusehen;
- 2 von 11 Spielern finden das Problem überhaupt interessant;
- nur 2 Spieler würden nicht gegen die eigenen Leute spielen;
- alle anderen sagen: Hauptsache, das Spiel läuft!

Es gibt viel zu tun – nicht nur für Fleishman-Hillard!

Aber erst einmal gilt es, die ersten 20 Jahre von Fleishman-Hillard Germany gebührend zu feiern!

Peter Wippermann

Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste, Essen, und Gründer des Trendbüros

 

 

 

Mobile Augmented Reality

Visual Search, Location Based Deals, Mobile Payment

Computersysteme, wie wir sie heute kennen, passen sich üblicherweise nicht an den Benutzer und dessen Situation an. Erste Beispiele von Systemen, die durch den Bezug zur Realwelt den Kontext des Anwenders einbeziehen, waren Navigationssysteme. Diese Orientierungsgeber sind heute wie selbstverständlich in jedem Auto anzutreffen. Der Fahrer gibt seinen Zielort ein, und das Gerät instruiert ihn, wie er fahren soll. Navigationssoftware ist mittlerweile auch als Applikation für iPhones und internetfähige Mobilfunkgeräte erhältlich. Google Maps und ähnliche Programme funktionieren genauso gut wie traditionell fest eingebaute Navigationsgeräte. Navigations-Apps sind die ersten Alltagsprogramme, die Augmented Reality in den Massenmarkt einführen. Diese Technologie hat sich mit der Verbreitung der Smartphones von dem fest installierten System in den Autos emanzipiert und wartet inzwischen bereits in vielen Hand- und Hosentaschen auf den mobilen Einsatz. Navigationssysteme von heute notieren noch die Position des Nutzers mit einem Punkt auf einer Karte. Morgen werden 3-D-Computervisualisierungen oder Live-Videos kombiniert mit informierenden Texten und Symbolen. Positionierung und Interaktivität werden dann in Echtzeit reale und virtuelle Objekte dreidimensional zueinander in Bezug setzen.

Der Begriff Augmented Reality (AR) – zu Deutsch „erweiterte Realität“ – definiert ein Realitäts-Virtualitäts-Kontinuum und wurde 1994 von Paul Milgram, Professor für Industrial Engineering an der Universität Toronto, geprägt. Im Gegensatz zur virtuellen Realität (VR), bei welcher der Benutzer komplett in eine virtuelle Welt eintaucht, steht bei der erweiterten Realität die Darstellung zusätzlicher Informationen im Vordergrund. Unter einem AR-System versteht man die Kombination der virtuellen Realität mit der Realität. Die steigenden Rechnerkapazitäten der Smartphones werden Mobile Augmented Reality schnell populär machen. Die Hyper-Connectivity des Massenmarktes und die Synergien mit anderen Technologien, wie Visual Search, RFID und Near Field Communication (NFC), ermöglichen den Konsumenten schon heute, die Welt in der wir leben mit der virtuellen Welt der Daten, im Alltag zu verbinden.

Pure Location Based Augmented Reality

In den nächsten Jahren wird Mobile Augmented Reality die Art und Weise verändern, wie Menschen mit ihrer Umwelt interagieren. Schon bald wird es üblich sein, bei einem Spaziergang durch die City die Kamera eines Smartphones einzusetzen, um sich umfassend über die nähere Umgebung zu informieren. Texte im Display des Geräts werden das Videobild der ersten Realität überlagern und mit Angeboten der zweiten Wirklichkeit auszeichnen. Beispiel Verkehrsmittel: Wo befindet sich der nächste Taxistand, die Bahn- oder Bushaltestelle? Beispiel Shopping: Welche Geschäfte liegen an der Wegstrecke? Beispiel Angebote: Sind die Produkte im Onlinehandel preiswerter zu beziehen als im Laden? Beispiel Freunde: Wen kenne ich in nächster Nähe? Beispiel Feinde: Sollte ich besser die Straßenseite wechseln, weil eine zufällige Begegnung mit dem Ex-Partner unmittelbar bevorsteht?

Heute schon kann man mit einer Starbucks-App die nächstgelegene US-Filiale der Coffeeshop-Kette orten, im Voraus online ein Getränk bestellen und anschließend mobil über das Smartphone bezahlen. Am VIP-Tresen wartet dann bereits der Latte macchiato, sobald man die Starbucks-Filiale erreicht hat. Die Smartphones werden mit Augmented-Reality-Apps zur Fernbedienung des täglichen Lebens. Die Zahl der Augmented-Reality-fähigen Smartphones ist zwischen 2009 und 2010 explosionsartig von acht auf 100 Millionen gestiegen. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren weiter beschleunigen. Das Marktforschungsunternehmen Jupiter Research prognostiziert bis 2015 allein für werbliche Augmented-Reality-Apps ein Marktvolumen von 1,5 Milliarden US-Dollar, Tendenz sprunghaft steigend.

Pure Location Based Augmented Reality schafft Innovationen in vielen etablierten Branchen. Der US-Radiosender Aha personalisiert eine Autofahrt wie nie zuvor. Aha Mobile bietet individuelle Programme an. Die Sendungen richten sich nach den Musikvorlieben der Hörer. Anhand von GPS-Daten erhält man ausschließlich Verkehrsinformationen im Umfeld von einigen hundert Metern zur eigenen Position, und das nur in Fahrtrichtung. Neben den Informationen üblicher Verkehrsdienste arbeitet Aha Radio mit Meldungen, die andere Autofahrer aus dem aktuellen Umfeld zur momentanen Verkehrslage beisteuern. Darüber hinaus lassen sich mit dieser App die Facebook-Mitteilungen und Tweets von Freunden hören statt lesen, die eigenen Status-Updates kann man einfach sprechen statt schreiben. Sucht man z. B. nach einem Restaurant, ermittelt die App anhand der eigenen Vorlieben passende Angebote in der unmittelbaren Nähe. Natürlich ist situationsbezogene Werbung das Kerngeschäft von Aha Mobile.

Verlockend ist es, sich jederzeit ein realistisches Bild über einen Ort zu machen, an dem man sich gerade nicht befindet: Wie voll ist es in der Innenstadt? In welchen Straßenzügen steppt der Bär? Ist in meinem Lieblingsrestaurant noch Platz für mich? Ist im gehypten Club nichts mehr los? Das Unternehmen CitySens bietet Apps für San Francisco und New York an, die Shopping oder Nightlife in Echtzeit analysieren können. Die GPS-Daten der Mobiltelefone werden genutzt, um die aktuellen Wanderbewegungen ihrer Besitzer aufzuzeichnen. Das System arbeitet so genau, dass selbst die Auslastung von Restaurants, Bars und Cafés angezeigt wird. Die Personen, präziser die dort anwesenden Mobiltelefone, werden lokalisiert, verortet und statistisch ausgewertet. Diese Echtzeit-Informationen kann man dann über CitySense abonnieren.

Mobilität und Kommunikation vernetzen sich zunehmend und lassen neue Geschäftsmodelle entstehen. Der amerikanische Autoverleih ZipCar zeigt, wie es geht: Seine 500.000 eingeschriebenen Mitglieder, Zippster genannt, können per iPhone ihr Lieblingsauto lokalisieren und öffnen. Auf Google Maps wird jeweils der aktuelle Stand der Fahrzeuge markiert. Die Zippster können das geortete Fahrzeug nutzen und nach Gebrauch einfach dort abstellen, wo sie gerade sind. Kosten für Versicherungen und Treibstoff sind im Mietpreis inklusive. Eine Reservierung in Echtzeit ist jederzeit möglich. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. 8.000 Wagen stehen in 28 Städten in den USA bereit. Das Selbstbedienungskonzept des Carsharing-Unternehmens ZipCar ist überaus erfolgreich und etabliert sich jetzt auch in Europa.

Augmented Reality ist nicht nur praktisch für die Nutzer, sondern auch für die Anbieter. Die Positionsmarkierung der Leihwagen von ZipCar auf Google Maps sichert dem Unternehmen jederzeit volle Kontrolle über die Wagenflotte zu. Die Wartung ist durch die Kenntnis der Position der Fahrzeuge problemlos möglich. Auch sind gestohlene Fahrzeuge immer auffindbar. Wenn sich die erste und zweite Realität interaktiv und in Echtzeit treffen, ist die Transparenz für Nutzer und Anbieter trotzdem nicht gleich. Ein Interface ist immer von zwei Seiten zu lesen. Wenn der eine etwas sucht, kann der andere etwas anbieten. Beide wissen dann über das Verhalten des Suchenden Bescheid. Der Anbieter zeichnet aber die Nutzungshistorie des Kunden auf und clustert sie zu unterschiedlichen Verhaltensmustern. Aus diesen Informationen werden dann wieder neue Angebote formuliert. Der Nutzer handelt nur aus seiner Situation heraus und interessiert sich meist nicht dafür, was mit seinen Daten passiert. Das kann Probleme in der Privatsphäre schaffen. Augmented Reality wird Anwalts Liebling werden.

Visual Search

Die Empörung, die es bei der Aufzeichnung von Straßenzügen und deren Freischaltung von Google  Street View gab, ist vor allem in Deutschland noch gut in Erinnerung. Für das neue Visual-Search Angebot von Google fuhren Autos im Auftrag des Unternehmens seit 2008 durch Deutschlands Straßen und nahmen alles auf, was ihnen dabei vor das Kameraobjektiv kam: Häuserfronten, ihre Bewohner sowie zufällig vorbeilaufende Passanten. Das Private sollte öffentlich dokumentiert und global zugänglich gemacht werden. Erst gab es Widerstand gegen Google Street View, dann reagierte das Unternehmen auf die Proteste. Zwar gilt in Deutschland die Panoramafreiheit, die das Fotografieren von Häuserfronten grundsätzlich erlaubt, aber durch die Verknüpfung mit konkreten Straßennamen und der Nennung von Hausnummern wandelte sich der juristische Charakter der Aufnahmen. Durch die Vernetzung von Google  Street View mit Google Maps können die Bilder auch den gesetzlich geschützten personenbezogenen Daten zugerechnet werden.

Der Konflikt wurde bisher nicht endgültig geklärt. Die wütenden Bürger konnten sich aber bei Google melden und verlangen, dass ihre Häuser oder bestimmte Personen bei Google  Street View unkenntlich gemacht wurden. Die Privatsphäre wird durch Augmented Reality automatisch erweitert und neu definiert. Wer im virtuellen Raum unerkannt bleiben will, kann neue Reputationsservices nutzen. Diese Dienstleister, wie Deinguterruf.de, bieten die Löschung von unerwünschten Einträgen in Internet an. Hier wird durch die Verschlüsselung von persönlichen Daten technologisch ermöglicht, was juristisch immer schwerer zu schützen ist: die Privatsphäre.

Der Empörungsgenuss bei Google Street View hat sich inzwischen gelegt. Bequemlichkeit ist vielen mehr wert als die Privatsphäre. Der Vorteil, mit der Handykamera einen Ort zu fotografieren, um in Echtzeit Positionsdaten zu erhalten, ist von hohem Nutzen. Als erstes deutsches Immobilienportal bietet Immonet.de eine integrierte Live-Suche mit Augmented Reality für das iPhone an. Sieht der Käufer einer Immonet-App durch die Kamera seines iPhones auf die Straße, so hat er alle freien Wohnungen und Häuser sofort im Blick. Die Suchergebnisse aus dem direkten Umkreis des Nutzers werden automatisch im Live-Videobild des iPhones angezeigt. Möglich macht dies die Verknüpfung von GPS-Standortdaten mit der Kamerafunktion und der Immonet-Datenbank. Informationen werden durch Augmented Reality in ihren ursprünglichen Kontext gestellt: in den der realen lokalen Umwelt.

Alles, was zu kompliziert ist, um mit Worten beschrieben zu werden, kann zukünftig durch Bilder in Suchmaschinen eingegeben werden. Ein Foto vor Ort, und die Mustererkennung hilft bei der Aufklärung und gibt Antworten. So ist der Bilderkennungsdienst Google Goggles nicht nur für das Identifizieren von Straßen, Häusern, Sehenswürdigkeiten und Kunstwerken zu gebrauchen, sondern lässt den Nutzer auch im Shoppingcenter nicht ratlos. Google Goggles klärt mobil über die Bedeutung von Texten, Logos, Barcodes und Produkten auf. Das gilt nicht nur für die Programme von Google. Ein Bild vom Barcode eines vermeintlichen Landeis im Supermarkt gibt über die Augmented-Reality-App „barcoo“ schnell preis, ob das Huhn, das das Ei gelegt hat, mit dioxinhaltigem Futter versorgt wurde oder nicht. Die Transparenz der Märkte steigt. Während der Informationsvorsprung über das Nutzerverhalten durch Augmented Reality klar bei den beteiligten Unternehmen liegt, begegnen sich Anbieter und Käufer beim Aushandeln von Leistungen und Preisen auf Augenhöhe, da stationäre und Online-Angebote situationsgerecht verglichen werden können.

Location Based Deals

Eine besondere Erfolgsstory ist Foursquare. Der soziale Location Based Service verknüpft einen interaktiven Reiseführer mit einem Tool für spontane Verabredungen und mit spielerischen Rankings. Foursquare-User nutzen die Handy-Apps, um Freunden ihre aktuelle Position in Form von „Check-ins“ mitzuteilen. Mithilfe des aktuell genutzten Funknetz-Knotens oder eines integrierten GPS-Moduls können die Apps die Position des Nutzers ermitteln und anzeigen, welche Restaurants, Sehenswürdigkeiten oder sonstige interessante Örtlichkeiten sich in der Nähe des Nutzers befinden. Sobald man sich an einem Ort aufhält, von dessen Existenz man anderen berichten möchte, kann man so dort „einchecken“. Falls die Location bislang noch nicht bei Foursquare eingetragen wurde, kann sie durch den User neu angelegt werden. Sollten sich Freunde des Nutzers in der Nähe aufhalten, informiert Foursquare sie über die neue Örtlichkeit und ermöglicht so spontane Treffen. Die Aktivitäten werden mit einem Bonussystem belohnt. Die Sammelpunkte werden schon von Starbucks, der Restaurantkette Vapiano und anderen Unternehmen in Gratisangebote umgewandelt. Google Latitude und Facebook Places haben inzwischen ähnliche Angebote im Markt.

Jetzt macht sich Augmented Reality auf, die Supermärkte zu erobern. Location Based Deals ist das Geschäftsmodell von Facebook Deals. Die Funktionsweise von Deals ist simpel und wird in wenigen Schritten auf der Facebook Places-Seite eines Unternehmens umgesetzt. Facebook unterscheidet zwischen vier verschiedenen Arten von Deals. 1. Individual Deals: Hierbei handelt es sich um eine einmalige Aktion, die sowohl für bestehende als auch neue Kunden verfügbar ist. Dies eignet sich beispielsweise für die Vermarktung neuer Produkte oder den Abverkauf von älterem Warensortiment. 2. Loyalty Deals: Hier zahlt sich die Treue der Kunden aus. Nach einer bestimmten Anzahl von Check-ins werden diese für ihre Treue belohnt, beispielsweise mit Rabatten oder speziellen Angeboten, die nur für diese Kunden gelten. 3. Friend Deals: Diese Angebote können nur eingelöst werden, wenn mehrere Personen ein Geschäft besuchen. Die Anzahl der Kunden ist hierbei auf acht begrenzt. 4. Charity-Deals: Hier steht Social Responsibility im Fokus. Für jeden Check-in eines Facebook-Nutzers spendet das Unternehmen einen fixen Betrag.

Augmented Reality gewinnt durch Social Media an Bedeutung.

Mobile Payment

Das Bezahlen per Smartphone wird in den nächsten Jahren attraktiver. Für 2014 wird erwartet, dass ein Drittel aller mobilen Transaktionen, geschätzte 1,13 Billionen US-Dollar (in der amerikanischen Zählweise sind es 1,13 Trillionen US-Dollar), über NFC-Technologie umgesetzt werden, so prognostiziert es jedenfalls das Marktforschungsunternehmen IE Market Research. NFC (Near Field Communication) ist ein Übertragungsstandard zum kontaktlosen Austausch von Daten über kurze Strecken. Die Firmen NXP Semiconductors, Sony und Nokia gründeten 2004 gemeinsam das NFC-Forum, das die Implementierung und Standardisierung der NFC-Technik vorantreiben und die Kompatibilität zwischen Geräten und Diensten sicherstellen soll. Diese Mobilfunktechnik beamt und empfängt Daten aus einem Abstand von nur wenigen Zentimetern. Ein einzelner NFC-Chip übermittelt die Daten von Bank, Shopping-, Kunden- und Clubkarten sowie Coupondaten. Händler werden In-Store-Werbung für Sonderangebote und Coupons auf das Smartphone senden können, während die Konsumenten sich im Laden umschauen. NFC ist hier neben Bluetooth die wichtigste Technologie für das Mobile Payment.

Heute schon können amerikanische Konsumenten über eine iPhone-App von PayPal Geldbeträge über das Smartphone vom eigenen Konto aus überweisen. Die NFC-Technologie vereinfacht den Bezahlvorgang aber erheblich. Geräte, die mit NFC ausgestattet sind, brauchen keine zusätzliche Applikation. Die Nutzer halten das Gerät nur gegen das Lesegerät und bestätigen ihre Identität mit einer PIN, um zu bezahlen. Der Wettbewerb um das beste Mobile-Payment-System ist im vollen Gange: Verizon, AT&T und T-Mobile haben sich in den USA zusammengeschlossen, um 2012 einen gemeinsamen Standard für NFC-Bezahl-services anzubieten. Das Kreditkartenunternehmen Visa hat bereits in unterschiedlichen Erdteilen mit Tests verschiedener mobiler Bezahlsysteme begonnen. PayPal, das Tochterunternehmen von eBay, hat seinen NFC-Service für den Herbst 2011 angekündigt. Auch Apple hat bereits seine Patentanträge für ein Bezahlsystem auf Basis der NFC-Technologie beim US-Patentamt eingereicht.

Google beabsichtigt, in den USA ein mobiles Bezahlen per NFC einzuführen. Mit 300.000 privat aktivierten Android-Smartphones pro Tag kommt das Unternehmen bei der technischen Ausrüstung der Konsumenten gut voran. 25 Prozent aller neuen Smartphones, die in den USA im dritten Quartal 2010 verkauft wurden, waren laut dem Marktforschungsunternehmen Gartner Android-Geräte. Aber Google braucht nicht nur die Nutzer und Zahlungswilligen, sondern auch die Händler, als Zahlungsempfänger. Um dieses Ziel schnell zu erreichen, startete Google das Projekt Hotpot in Portland, Oregon. Das System gestattet den Nutzern, ortsbezogene Empfehlungen abzugeben und anzusehen. Neben den beliebten Check-ins gehören die Empfehlungssysteme zu den populärsten Anwendungen im Bereich der ortsbasierten Dienste.

Man ist beispielsweise in einer fremden Stadt unterwegs und möchte irgendwo in der Nähe gut essen. Eine schnelle Suche nach Restaurants bei Hotpot ergibt nicht nur eine entsprechende Auswahl an Lokalen in der unmittelbaren Nähe, sondern es wird auch gleich noch eine Empfehlung dazu abgegeben, die aus den Erfahrungen aller Nutzer resultiert. Hotpot setzt dazu auf ein 5-Sterne-Bewertungssystem, wie es andere Anbieter auch schon verwenden. Dazu wird dann in der Regel noch ein Bild des Restaurants geliefert, sodass man einen guten ersten Eindruck bekommt. Hotpot ist direkt in Google Places integriert. Auf diesem Angebot bringt Google Nutzer und lokale Geschäfte zusammen. Mit Google Boost, einem speziellen Werbeprogramm für lokale Unternehmen, ist die nächste Ausbaustufe für das Local Business des Internetgiganten an den Start gegangen. Nach Angaben von Google nutzen 97 Prozent der Käufer zuerst das Internet zur Produktsuche, bevor sie Geschäfte in ihrer Umgebung aufsuchen, um das gewünschte Produkt zu kaufen. Google Hotpot wird zum direkten Konkurrenten für Empfehlungsdienste wie Qype, Yelp oder Tupalo und ist damit schneller als Facebook Places am Markt, dessen ähnliches Angebot noch kein Bewertungssystem aufweist. Diese Einbettung des mobilen Bezahlens in den Konsumentenalltag wird auch den Handel motivieren, seinen Teil für die Entwicklung der NFC-Technologie beizutragen. Denn die NFC-Smartphones brauchen NFC-Lesegeräte, um finanzielle Transaktionen durchführen zu können.

Mobiles Bezahlen wird auch in Deutschland energisch und kooperativ vorangetrieben. Vodafone, O2 und die Telekom haben ein Konsortium gegründet und schaffen gemeinsame Standards für das Handy-Zahlverfahren M-Pass, das mobiles Bezahlen in Deutschland populär machen soll. Bereits auf der Computermesse CeBit 2007 hatte Vodafone in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn das Projekt „Touch&Travel“, ein Handy-basiertes E-Ticket-System, vorgestellt. Das Pilotprojekt startete in Potsdam, Berlin und auf den Bahnstrecken zwischen Hannover, Berlin und Frankfurt. Ab 2010 wurde das Versuchsgebiet um die Strecken von Hannover über das Ruhrgebiet bis nach Köln erweitert. Die Mobilfunkprovider T-Mobile und O2 sind inzwischen als Projektpartner beteiligt.

Mobiles Bezahlen durch Konsumenten und elektronische Rechnungsstellung und Weiterverarbeitung zwischen den Unternehmen wird für erhebliche Einsparungen bei den Personalkosten, aber auch bei Papier-, Druck und Portokosten sorgen. Noch werden aber nur fünf Prozent aller Rechnungen zwischen Geschäftspartnern in Europa elektronisch übermittelt. Neben dem zwischen Großunternehmen etablierten Electronic Data Interchange (EDI) bieten sich andere Bereiche für digitale Rechnungen mit qualifizierter elektronischer Signatur (QES) an. E-Invoicement würde laut EU-Schätzungen zwischen 130 und 250 Milliarden Euro pro Jahr einsparen.

Trotz der zögerlichen Entwicklung von elektronischen Rechnungsströmen im B-to-B-Bereich entwickelt sich das mobile E-Payment zwischen Unternehmen und Konsumenten rasant. Mobile Bezahlsysteme, die über Smartphones eingesetzt werden können, werden die eine Milliarde Kreditkarten, die allein in den USA in Umlauf sind, schon bald ersetzen, prognostizierte die „Businessweek“ im August 2010. Damit wird sich der Kreis zur Augmented Reality schließen. Die erste und zweite Wirklichkeit werden sich in allen Lebensbereichen vernetzen. Knotenpunkt aller Informationsströme wird die Situation des Konsumenten in Echtzeit sein.

Prof. Peter Wippermann

 

Übergewicht und Magersucht

Die Entstrukturierung der Gesellschaft schreitet weiter voran.

Die Individualisierung hat die Familie erreicht. So ist Regensburg im Jahre 2011 Europas Singlehauptstadt geworden. Mit 55,4 Prozent gemeldeter Einfamilien-Haushalte lag die Universitätsstadt 2011 zum ersten Mal vor Berlin mit 52,4 Prozent Singles. Gleichzeitig wird die Arbeitswelt dynamischer und flexibler. Das Durchschnittsalter für CEO’s in Deutschland ist zwischen 2003 und 2010 um sechs Jahre gefallen. Die Vertragsdauer hat sich in der Regel von fünf auf drei Jahre verkürzt. Schneller, effizienter, globaler und virtueller sollen die Ergebnisse für die Finanzmärkte geliefert werden. Das übt einen Druck auf die gesamte Arbeitswelt aus.

Darüber hinaus fördern Smartphones und Tabletcomputer die Verschmelzung von Arbeitszeit und Freizeit. Schon 2014 wird es weltweit mehr mobile als verortete Computer geben. Die berufliche und private Welt vernetzen sich auf einem Interface und werden allgegenwärtig. Die permanente Fernanwesenheit in der Arbeitswelt fordert die persönliche Entscheidungskraft. Sich Zeit für das Essen zu nehmen wird zur bewussten Entscheidung. Die Eigenzeit zu strukturieren wird für viele zur Herausforderung. Als Zeitressource wird die Nahrungsaufnahme erkannt. So verschwindet die Tradition der geregelten Mahlzeiten zunehmend aus dem Alltag. „To go“ war erst der Anfang.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Menschen nach Dingen sehnen, die gegenwärtig nicht präsent sind. Beobachten wir die fortschreitende Entstrukturierung, so kann die Antwort darauf nur aus zunehmenden Ordnungsangeboten bestehen. Alles was verschwindet steigt im Wert und wird deshalb zum erstrebenswerten Ziel. Die mediale Reizüberflutung schürt einen Wunsch nach Entschleunigung und Verortung. Die Versuche einer Re-Strukturierung des Ernährungsverhaltens ist gut zu erkennen: bewusstes Essen, nachhaltige und schadstofffreie Lebensmittel. Begriffe wie „Bio“, „Region“, „Slow“ und „Handgemacht“ steigen schnell in der öffentlichen und privaten Popularität.

Je weiter sich die Gesellschaft entstrukturiert, desto intensiver wird die Suche nach Orientierung. Der Körper wird mehr und mehr zum Sinnstifter und für viele zum Mittelpunkt der eigenen Welt, so der Medientheoretiker Norbert Bolz. Damit wird die Optimierung des eigenen Körpers zur selbst gestellten Designaufgabe. Eine bewusste Ernährung konstruiert logische und sinnlich erfahrbare Ordnung.

Das Phänomen der Entstrukturierung polarisiert das Essverhalten allerdings ungemein. Diejenigen, die es nicht schaffen, sich und ihre Umgebung neu zu ordnen, geraten in einen Zustand sehnsuchtsvoller Orientierungslosigkeit. Ein Kontrollverlust über das eigene Essverhalten ist die Folge. Nahrungsaufnahme wird zur Sucht. Der grenzenlos gewordene Körper macht einsam. Ein sozialer Abstieg folgt. Die endlose Schraube des Frustes führt zu Übergewichtigkeit oder Magersucht.

Prof. Peter Wippermann